Filmvorführung und Diskussion: Der NSU-Prozess als Film

Montag, den 23.06.2014 | 20:00 Uhr | Café Kabale (Geismar Landstraße 19)

Das Bündnis Extrem Daneben zeigt einen Ausschnitt des SZ-Filmprojekts „Der NSU-Prozess als Film“, in welchem die Prozess-Protokolle von Schauspieler_innen nachgelesen und inszeniert werden. Im Anschluss an die Vorführung soll es Raum für eine gemeinsame Diskussion über Film und Prozess geben.

Der Terror des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) zwischen den Jahren 2000 und 2006 reiht sich in eine Kontinuität neonazistischer Gewalt in der Bundesrepublik Deutschland ein. Alleine seit 1990 wurden 187 Menschen durch Neonazis getötet. Lange wurde die Gefahr von rechts bagatellisiert, verharmlost und entpolitisiert. Dass nun eine breite Öffentlichkeit davon Notiz nimmt, liegt vor allem an den Verstrickungen der staatlichen Behörden in die rassistische Mordserie, sowie an der Systematik, mit der der NSU vorging.
Die Opfer der rassistischen Mordserie des „NSU“ waren Enver Şimşek, Abdurrahim Özüdoğru, Süleyman Taşköprü, Habil Kılıç, Mehmet Turgut, İsmail Yaşar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubaşık, Halit Yozgat. Auch die Polizistin Michèle Kiesewetter wurde wurde vom „NSU“ ermordet. Weiterhin verübten die Neonazis ein Bombenattentat in der Keupstraße in Köln sowie zahlreiche Banküberfälle. Die Verstrickungen des Verfassungsschutzes, die Zerstörung möglicher Beweise durch den VS und der große UnterstützerInnenkreis des „NSU“ – das antifaschistische Pressearchiv und Bildungszentrum Berlin e.V. (apabiz) geht von etwa 200 aus – machen den Gerichtsprozess so umfangreich und unübersichtlich: Wichtige Details gehen verloren, die zur Aufklärung des Gesamtkomplex „NSU“ nötig wären.

Am 6. Mai 2013 begann der medial begleitete Prozess gegen den Kern des Neonazi-Netzwerks, Beate Zschäpe, André Eminger, Holger Gerlach, Carsten Schultze und Ralf Wohlleben vor dem Oberlandesgericht in München. Dieser Strafprozess ist ob seiner Größe und Tragweite viel beachtet und von großem öffentlichen Interesse. Inwiefern der Prozess jedoch dazu taugt, für Aufklärung zu sorgen und ob er dazu in der Lage ist, die Dimension des NSU-Komplexes adäquat zum Gegenstand des Verfahrens zu machen, wollen wir gemeinsam diskutieren. Fragen, die sich uns im Verlauf der Vorbereitung gestellt haben waren etwa: Wie laufen die Befragungen ab? Was ist von diesem Prozess überhaupt an Aufklärung zu erwarten? Was für eine Rolle spielt er für die Angehörigen der Opfer? Bietet der Prozess nicht auch eine Bühne für die Neonazis um sich zu inszenieren? Dient der Prozess womöglich der Entlastung der deutschen Mehrheitsbevölkerung? Wird mit diesem Prozess die Frage nach neonazistischer Gewalt und dem möglichen Umgang damit an staatliche Institutionen delegiert?

Der Verdacht auf einen neonazistischen Hintergrund oder rassistische Motive der Morde, wurde von den zuständigen Ermittlungsbehörden – nach bisherigem Kenntnisstand – systematisch verworfen. Stattdessen wurden sie auf vermeintliche Konflikte innerhalb der migrantischen Gemeinde zurückgeführt – so wurden Drogenhandel oder Spielsucht als mögliche Konfliktursachen in den Ermittlungen benannt. Die Finanzierung von Vertrauens-Leuten und damit mittelbar die strukturelle Unterstützung neonazistischer Ideologie und Gewalt, sowie die Zerstörung von Unterlagen und Informationen durch den Verfassungsschutz, offenbaren den staatlichen und institutionellen Rassismus. Auch darüber, dass Rassismus als gesellschaftliches Verhältnis und tief verankertes Ressentiment nicht Thema des Prozesses ist und sein kann, wollen wir in Anlehnung an die Dokumentation diskutieren.